Nun sind wir wieder Papst

Nun sind wir wieder Papst! Interessant, wie sich die gesamten Medien auf das ‚Event‘ stürzen. Auch beim stillen Gebet des Papstes im Erfurter Dom hörte das Klicken der Kameras nicht auf. Hier stellt sich die Frage für mich, ob religiöses Empfinden in unserer Gesellschaft einfach nicht mehr respektiert wird. Ja, ich störte mich an diesem Klicken der Kameras während der Papst vor dem Altar kniend betete. Die Oberflächlichkeit der aktuellen Gesellschaft wurde mir in diesem Moment wieder einmal bewusst, das Schlimme daran ist wohl, dass vielen Menschen dieses überflüssige Eindringen in einen sehr persönlichen Moment des Papstes gar nicht aufgefallen ist.

Die Geschichte der Reformation wurde in Erfurt erneut aufgerollt. Eigentlich sollte die Trennung der christlichen Kirchen in Deutschland schon lange gekittet sein. Irgendwie wirkt dieses Gerangel um Kompromisse oder Zugeständnisse doch überholt, etwa wie Sandkastenspiele, verglichen mit den wirklich großen Probleme dieser Welt. Auch scheinen viele Menschen spirituell viel einsichtiger zu sein, als sich die Kirchenvertreter in Erfurt zeigten. Daher klingen die Forderungen von Katrin Göring-Eckhardt, die Präses der Synode der EKD, während des ökonomischen Wortgottesdiensts im Augustinerkloster befremdlich. Sie fordert die Menschen dazu auf von anderen religiösen Ideologien Abstand zu nehmen, zudem wurde für eine Ausdehnung der christlichen Kirche gebetet. Das wirkt recht missionarisch, wenn dann noch der Wunsch geäußert wird, in die Welt hinaus zu wirken.

Wenn man seit Jahrhunderten keine Einigung über ein gemeinsames Abendmahl unter Christen finden kann, dann frage ich mich, wie schwer es für die Vertreter der christlichen Kirchen sein wird in einen tiefen Dialog mit den anderen großen Weltreligionen einzutreten, einem Dialog, der brennend notwendig wäre. Aus dieser Sicht wirkt das Bemühen der christlichen Kirche, obwohl mit lauterer Absicht getan, ziemlich befremdlich und sogar rückständig. Das Christentum sollte die Menschen da abholen, wo die meisten schon stehen, nämlich inmitten einer Suche nach den Mysterien der menschlichen Existenz. Hier geben Kirche und Papst keine Antworten oder gar Hilfestellungen. Anleitung das Göttliche in dem Menschen selbst zu finden und direkt zu erfahren sind selten. Sind wir Deutschen wirklich so unflexibel, wie es das Auftreten der Kirche in Erfurt vermuten lässt? Wenn ja, wäre dies eine Situation, die Angst machen könnte, denn sehr viel weiser als zu den Zeiten eines Martin Luthers scheint man tatsächlich immer noch nicht zu sein.

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Franz Liszt und seine letzten Tage in Bayreuth

Pünktlich zum 200. Geburtstagsjahr von Franz Liszt hat Ernst Burger wieder eine sehr lesenswerte Liszt-Hommage veröffentlich. Nach seiner grandiosen Ehrung in Buchform von 1986 (100. Todestag ), erschien nun im ConBrio Verlag ‚Franz Liszt – Leben und Sterben in Bayreuth‘. Darin beleuchtet Burger noch einmal das einzigartige Verhältnis der beiden Giganten Franz Liszt und Richard Wagner. Er lässt Zeitzeugen sprechen, bringt einige Berichte sogar zum ersten Mal in die Öffentlichkeit, wie auch interessante neue Fotografien. Hier sprechen die Betroffenen selbst, und es wird viel Falsches berichtigt, das im Laufe der Jahre von verschiedenen Autoren einfach ohne gründliche Prüfung übernommen worden ist.

Ohne Franz Liszt und dessen Tochter Cosima Wagner, würden die Bayreuther Festspiele wohl nicht bestehen, und gerade diese beiden werden immer wieder gegeneinander ausgespielt. Für Franz Liszt war Cosima eine wichtige Bezugsperson, etwas verschämt schreibt er einmal, dass er für sie immer eine besondere Liebe empfunden habe, entschuldigt dies mit Cosimas Zerbrechlichkeit in der Kindheit.

Franz Liszt starb am 31. Juli 1886 in Bayreuth und Cosima sagte kurz vor ihrem Tod zu ihrer Tochter Daniela: „Ich kann dir nicht aussprechen, wie es mich rührt, wenn ich an Großpapas Franziskanerkapelle hier denke und dass er hier ruht; das haben die Sterne gewollt, da wir nicht miteinander leben konnten (…) Ich kannte Großpapa vielleicht anders, wie man ihn sonst kennt. Er fehlt doch sehr als Persönlichkeit und ich möchte sagen als Hilfe.“ Der Vorwurf, den man oft hört, dass Cosima ihren Vater einsam und getrennt von all seinen Freunden habe sterben lassen, ist eine oberflächliche Behauptung, die nun mit den Tagebüchern von Lina Schmalhausen widerlegt wird.

Der französische Musikwissenschaftler Pierre-Antoine Huré hat 1987 für sein Buch ‚Liszt en son temps’ in den Weimarer Archiven die Aufzeichnungen von Lina Schmalhausen eingesehen und schon teilweise veröffentlicht, 2002 folgte Alan Walker mit nicht ganz exakten Zitaten, in Ernst Burgers Buch sind diese Aufzeichnungen zum ersten Mal in voller Länge zu lesen. Lina Schmalhausen empfand für Franz Liszt eine schwärmerische Jungmädchenliebe, der sich der alternde Musiktitan wohl nicht entziehen konnte. Lina war in Bayreuth als Liszt dort mit einer Lungenentzündung erkrankte und saß in den letzten Tagen fast ununterbrochen vor dem Fenster des Sterbezimmers. Sie beobachtet alles, was in dem Zimmer vorging und berichtet von den vielen Besuchen Cosimas, denen der Kinder sowie von den anwesenden Freunden, auch kümmerten sich verschiedene Ärzte um Liszt. In den wenigen Momenten, in denen Liszt nur von seinem Diener Mihal und Bernard Stavenhagen betreut wird, schleicht Lina sich an das Bett des Meisters und wird von Cosima sogar im Sterbezimmer geduldet.

Wieder einmal bewegt uns das Leben des großen Musikers Franz Liszt, der als Weltbürger gelebt hat, seiner Zeit weit voraus war, und der sich vielleicht nur aus Rücksicht auf die Fürstin Wittgenstein nicht permanent in Bayreuth niedergelassen hatte. Denn aus künstlerischer Sicht waren für ihn Richard und Cosima Wagner eine Art wirkliche Heimat.