Aimez-vous Karajan?

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Die Dokumentation von Eric Schulz zeigt ihn als großen Erneuerer und auch als Bewahrer

Filmregisseur, Opernregisseur – Eric Schulz ist ein Klassikfreund, mit einem fast unheimlichen Schaffensdrang. Unzählige Preise hat für seine Filmdokumente im Bereich Klassik erhalten, zuletzt 2013 einen Echo für seine Dokumentation über das künstlerische Wirken von Herbert von Karajan. Der Titel ‚The second life – Karajan‘ ist für mich allerdings nicht so richtig ganz nachvollziehbar. Es geht doch um den Ausnahmedirigenten Karajan, der gänzlich in seinem Schaffen aufgeht. Sagte er nicht in einem Interview mit Richard Osborne, dass das Dirigieren vollkommenes Glück für ihn sei? Dieser Mann hat kein zweigeteiltes Leben. Doch vielleicht spielt Schulz hier auf Karajans Wunsch nach einer Wiedergeburt an. Nun, darin gehe ich mit Karajan konform, wie mit so Vielem, sicherlich kann das menschliche Dasein nicht mit einem willkürlichen einmaligen Aufflackern abgehakt werden kann.

Eric Schulz, Jahrgang 1979, hat die Ära Karajan nicht mehr live erlebt, kennt sicherlich nicht die großartigen Dokumentationen, die schon über den Maestro erschienen sind, im Besonderen auch eine sehr gelungene Dokumentation von Marcel Prawy. Daher bleibt das Bild von Schulz für so manchen Musikfreund, der Karajan noch erlebt hat, doch etwas steril, weil eben aus der Ferne ‚aufgenommen‘. Für eine jüngere Generation allerdings, die ihn allzu oft nur als Showdirigent einstuft, weil vielleicht sein Lebensstil (der doch vollkommen normal war) dazu verführt, kann dieser Film unbedingt eine Bereicherung sein. Die Klassikszene braucht dringend Vorbilder, hat doch die aktuelle Künstler-Generation nicht viel zum Aufblühen des Musikbewusstseins in der breiten Bevölkerung beigetragen, das Genre ist dabei in Beliebigkeit zu versinken. Die oberflächliche Kritik an Herbert von Karajan kann sicherlich mit diesem Satz erklärt werden: Gerne köpft man einen großen Menschen, um sich selbst einen Kopf größer zu machen. Zeitzeugen Karajans kommen in dieser Dokumentation vielfach zu Wort, u.a. Musiker der Berliner Philharmoniker, Ann-Sophie Mutter, Peter Alward und Brigitte Fassbaender.

Es wird ein bewegendes Bild von einem Künstler gezeigt, der eine höhere Dimension der Musik aufdeckt und seine Ideale konsequent lebt, alles dafür zur Seite schiebt, selbst seine Gesundheit opfert. Am Ende seines Lebens dirigiert er mit großen Schmerzen, doch sein Geist bleibt ungebrochen. Bewegend der Kommentar eines ‚Berliners‘ über das letzte Dirigat in der Philharmonie, obwohl ihm eigentlich ein Vertrag auf Lebenszeit an Berlin band. Ja, Loyalität war dann doch ihre Sache nicht, das Orchester wollte einen Wechsel, der so nicht notwendig gewesen wäre. Sicherlich hätte man eine menschlichere Lösung finden können. Die Wiener haben sich gefreut und profitiert, so dirigierte Karajan nach dem Bruch mit Berlin dort noch viele bewegende Abende und natürlich auch in Salzburg.

Hochinteressant seine Arbeit im Detail mit dem Tonmeister für die Deutsche Grammophon Günter Hermann, beide sprachen und telefonierten immer wieder über die gemeinsamen Aufnahmen. Unveröffentlichte Dokumente sind viele in diesem Film zu sehen. Karajans Arbeit im Studio sowie auf dem Podium spiegeln sein hohes künstlerisches Bewusstsein wieder, das so sicherlich nicht Alltag ist. Gerne darf er wieder Vorbild werden! Be dedicated!

© Midou Grossmann 2014

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