Ein Sommer der Reflektionen

Gedanken zum Musiktheater in Zeiten einer Krise

 

Andrea Chenier 2011
Copyright Midou Grossmann

Eigentlich hätte es einen Sommer der Reflektionen hinsichtlich Oper und Konzert werden müssen.  Ein Großteil der Festivals annullierte die Saison, da die Corona-Maßnahmen ein bewegendes Musiktheater nicht erlauben, so schien es. Eine Phase des Nachdenkens hätte nützlich sein können, doch sind natürlich die wirtschaftlichen Begebenheiten nicht immer glänzend und so versuchen manche Institutionen nun eben ein Spagat zwischen Einnahmen und Kunst, zudem auch, um in den Schlagzeilen zu bleiben.

Leider ist doch ein Hype entstanden. Die Medien zeigen Sängerstars in Aktion unter südlichem Sternenhimmel, in heimischen Gärten und sogar in Wohnzimmern, man feiert so die Auferstehung der Kunst. Selbst Bayreuth im kühleren Franken ist enorm aktiv, man präsentiert Konzerte am Badesee. Richard Wagner ist immer gut für eine Schlagzeile, der Bayerische Rundfunk verkündet stolz: „Selbst Corona kann Wagner nichts anhaben“. Dabei wäre es eine perfekte Gelegenheit gewesen, jetzt endlich einmal über die Aussagen der Wagneropern zu sinnieren, gibt es da nicht Parallelen zur aktuellen Krise? Zeigt uns der Komponist nicht einen tieferen Zugang zur vordergründig so flüchtigen irdischen Existenz? Wäre ein kreativer Neubeginn nicht zwingend notwendig gewesen? Nun, was nicht ist, kann ja noch werden.

Die Salzburger Festspiele setzten auf ‚Salome‘ (in den letzten Jahren) und heuer auf ‚Elektra‘. Diese Opern von Richard Strauss gleichen den antiken Originalen vom Libretto her nun eigentlich sehr wenig. ‚Salome‘, nach Oscar Wilde, von Strauss selbst ‚eingerichtet‘. ‚Elektra‘, von Hugo von Hofmannsthal, nach dem Drama Sophokles’ umgeschrieben, passend für den Zeitgeist einer ‚aufgeklärten‘ Gesellschaft. Beide Opern sind aktuell etwas konturlos geworden, wage ich zu behaupten, nie konnte Richard Strauss an Wagners Mystik anknüpfen . Es könnte reizvoll sein, eine neue ‚Elektra‘ zu konzipieren, enger an Sophokles, und was ‚Salome‘ betrifft, ist die Version von Antoine Mariotte vielleicht doch spannender.

Eine passende Oper für diesen Sommer wäre ‚Andrea Chénier‘ von Umberto Giordano gewesen. Das spannende Libretto von Luigi Illica (die Handlung spielt während der Französischen Revolution), von Giordano mit einer genialen musikalischen Urkraft vertont, geht unter die Haut und ist immer noch hoch aktuell.  Durchleben wir nicht momentan auch eine Zeit des Umbruchs? Zwar hat das Werk in den letzten Jahren einige wichtige Aufführung erlebt, doch der große Durchbruch lässt noch auf sich warten, vielleicht auch aus dem Grund, dass man drei hervorragende Hauptdarsteller aufbieten sollte, die stimmlich sowie darstellerisch den Verismo mit seiner Dynamik verstehen. Dies gilt auch für den Dirigenten, der die ungemein farbenreiche Komposition Giordanos mit all ihrer Dramatik – aber auch Lyrik – packend zu gestalten hat, doch gleichzeitig die Sänger gekonnt durch die anspruchsvolle Partitur bringen muss.

Eine Referenz-Aufnahme ist immer noch der Mitschnitt aus der Mailänder Scala von 1955 mit Maria Callas, Mario Del Monaco und Aldo Protti, unter dem hervorragenden Dirigat von Antonino Votto. Als Musterbeispiel der letzten Jahre darf die Aufführung auf der Bregenzer Seebühne gelten, in der Regie von Keith Warner und dem Dirigat von Ulf Schirmer (2011/12). Hier war perfektes Musiktheater in einem einmaligen Outdoor-Ambiente zu erleben, das mit seiner szenischen Wucht die gesamte Bregenzer Bucht einbezog und so ein einmaliges Kunstwerk schuf, das zu einem wahrhaft transzendenten Erlebnis wurde. Hier darf man auch das beeindruckende Bühnenbild von David Fielding erwähnen. Er schuf ein gelungenes Kunstwerk, das so selten zu erleben ist.

Hoffen wir, dass sich das Musiktheater in den kommenden Jahren in diese Richtung bewegen kann, denn inmitten der Krise öffnen sich kontinuierlich neue Portale.

Copyright Midou Grossmann 2020

Fotos Copyright Midou Grossmann 2012-2020

 

 

Festspiele in Bregenz heuer nur reduziert

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Seebühne Bregenz Austria – Foto Midou Grossmann July 2020

„Es wird alles wieder gut“, so lautet die Nachricht aus dem Festspielhaus Bregenz, und man verkündet, dass Festtage im Festspielhaus von 15. bis 22. August stattfinden werden. Man möchte doch nicht ganz aus dem Feuilleton verschwinden und bis Ende August sollten in Österreich noch weitere Lockerungen bezüglich der erlaubten Zuschauerzahlen verkündet werden. Drei Konzerte, ein Arienabend und eine Musiktheater-Uraufführung laden während der achttägigen Veranstaltungsreihe in den Großen Saal des Festspielhauses. Im Seestudio stehen zwei Abende von Musik & Poesie auf dem Programm. Das Kunsthaus Bregenz wird mit einem Konzert im KUB ebenfalls zum Schauplatz der Festtage.

Die aus Tirol stammende Musicbanda Franui ist gemeinsam mit Bassbariton Florian Boesch bei einem außergewöhnlichen Konzert am 15. August im Festspielhaus zu erleben. Den Schlusspunkt der Festtage bildet am 22. August ein Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan, der letztmals als deren Chefdirigent in Bregenz zu Gast sein wird. Ein weiteres Konzert spielt das Symphonieorchester Vorarlberg mit Enrique Mazzola am Dirigentenpult sowie Sopranistin Mélissa Petit. Beim Arienabend Viva Verdi – Viva l’Opera sind in kleiner Orchesterbesetzung Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters St. Gallen ebenfalls unter Enrique Mazzola zu erleben, es singt die Sopranistin Anna Princeva.

Angesichts dieser ‚Leckerbissen‘ ist sicherlich so mancher Musikfreund motiviert die Bodenseeregion zu besuchen. Denn nicht nur die Musik klingt hier intensiver, sondern auch die Landschaft am ‚Schwäbischen Meer‘ bezaubert immer wieder und belebt Körper sowie Geist. Kulturgenuss unten im Festspielhaus, Erholung auf dem Berg, ein perfekte Symbiose. So habe ich das über lange Jahre geplant und gelebt.

Neben dem Pfänder, dem über 1000 Meter hohen Hausberg, gilt das weniger überlaufene Eichenberg immer noch als Geheimtipp. Auch als Luftkurort gehandelt, liegt der Ort auf 793 Meter auf einem Sonnenplateau, mit einer Aussicht, die man einmalig bezeichnen darf. Weit bis in das Rheintal schaut man, nach Konstanz, Ravensburg und in das Allgäu hinein. Das bäuerliche Flair des Ortes konnte bis jetzt erhalten bleiben, zugleich sind Hotels sowie Ferienwohnungen vorhanden.

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Terrasse Hotel Sonnenhof Eichenberg Austria Foto Midou Grossmann July 2020

Wunderbar platziert am Dorfausgang, neben einem Wald und mit einer unverbaubaren Terrasse, das Hotel Sonnenhof, welches mit seinen modernen Zimmern, die fast alle mit Küchenzeile ausgestattet sind, für einen Langschläfer ein Segen sein kann.  Wenngleich das opulente Frühstück des Hauses sehr zu empfehlen ist. Eine große Suite mit eigener Terrasse ist ideal für Familien mit Kindern. Zudem bietet auch der Wellnessbereich, mit einem Hallenbad und Liegewiese, einen grandiosen Blick über den See. Was will man mehr? Kultur, Komfort, Natur und gutes Essen in einer geschichtsreichen Region sind immer ein Gewinn in turbulenten Zeiten.  Ein Besuch allein reicht nicht, um all das zu entdecken. Gerade in der Krise mit den Reisebeschränkungen bleibt der Bodensee ein wirklich lohnenswertes Ziel, da es mit seinem internationalen Flair für jeden Besucher etwas zu bieten hat.

 

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Hotel Sonnenhof Eichenberg Austria July 2020 Foto Midou Grossmann

https://bregenzerfestspiele.com/

http://www.sonnenhofhotel.at/site/inhalt.php?ID=18&menu1=18&menu2=0&sprache=1&active=18

https://www.bodensee.de/region/vorarlberg/eichenberg

Copyright Midou Grossmann  – Fotos Copyright Midou Grossmann

 

 

Singen Verboten ? Bitte Aerosol-Tests überdenken!

getintuneMattia Battistini (Youtube)

Seit Monaten ist es zumeist still in der Oper- und Konzertszene. Das Aufatmen war nur kurz als einige mutige Intendanten doch schnell Ein-Personen-Auftritte auf die Bühne brachten. Doch aktuell schockieren Meldung die Musikbranche, weil wissenschaftliche Messungen belegen, dass beim Singen Viren über zwei Meter weit in den Raum geschleudert werden. Ein Aus für Chöre für lange Zeit, für große Oper ebenso?

Ich habe heute gelesen, dass die Tests nach dem Einatmen von Rauch (E-Zigaretten artig) stattfanden, lautes Husten und Singen kennzeichneten die Untersuchungen. Es wäre an der Zeit einmal zu überdenken, ob wir generell nicht zum Belcanto auf breiter Basis zurückkehren müssen. Mattia Battistini betonte immer, dass er nur so leicht beim Singen atmen würde, als ob er an einer Blume riechen wolle, das Ausatmen erfolgt dann auf eine noch sanftere Art. Auch Angelo Loforese sprach immer davon, dass er gar nicht so sehr auf den Atem achten würde, der käme schon von allein, wenn man geistig gut eingestimmt sei. Wer mit einer Art Yogi-Atem das Singen angeht, benötigt bedeutend weniger Volumen, das bestätigte auch die Primadonna Amelita Galli Curci, die über Jahrzehnte eine alte vedische Meditation praktizierte. Der Begriff des Singens in die Maske  ist etwas in Veruf gekommen, das inalare (oft auch als inhalare bekannt) der Stimme ebenso, aber nur weil man heute eigentlich die geistige Art des Singens nicht mehr verstehen und sie auch selten ‘wissend’ lehren kann.

Vielleicht wäre es an der Zeit sich wieder darauf zu besinnen und dann erneut zu messen, wie stark die Luftströme sind. Auch Chöre sollten sich umstellen, einige machen das ja schon seit Jahren. Ich könnte mir vorstellen, dass ein bedeutend geringerer Luftausstoß  gemessen werden würde. Musik und Gesang sind lebenswichtige Elemente für die Menschen, daher gilt es einen Weg zu finden.

Diese Art von Singen setzt eine innere Konzentration voraus, die einigen große Künstlern schon in die ‘Wiege’ gelegt war, andere könnten es lernen, wenn sie denn wollten. Einfach einmal das ‘höhere Selbst’ entdecken mit leichten Übungen und einer besonderen Einstellung der Verinnerlichung.

Copyright Midou Grossmann 2020