Einfach überirdisch schön

 

 

Fotos + Text Copyright Midou Grossmann 2018

Werke von Morten Lauridsen neu auf CD

Kürzlich gab es im Internet eine Diskussion über lebende Komponisten mit der Frage, wer von ihnen bestehen könnte im Laufe der Geschichte. Morten Lauridsen wurde nicht erwähnt und als ich ihn erwähnte, wurde ich belehrt, dass Lauridsen nur religiöse Musik komponiere, dies zwar sehr gut, aber eben zumeist nur Chormusik. Nun, ich frage mich, was komponierte damals J.S. Bach? Zumeist religiöse Musik und sehr viel Chormusik! Und dennoch wird er immer als einer der Größten bezeichnet. Ein Hauptmerkmal der aktuellen Zeit ist diese enorme Vervielfältigung aller möglichen Facetten des Daseins und ihre Berechtigung im Spektrum der gesellschaftlichen Diskussionen als absolut wahr. Doch das ist vielleicht gut so,  um zu erkennen, dass wir gar nicht so verschieden sind von unseren Vorfahren, letztendlich läuft alles doch auf Glück und Frieden hin. Das menschliche Wesen ist eine schwingende Zellansammlung, das eine große Vorliebe für stark stimulierende Frequenzen hegt, würden wir sonst diesen unsäglichen Kampf um etwas ‚Höheres‘  jeden Tag annehmen ohne überhaupt das ‚Höhere‘ zu kennen?

Die Aufgabe der Kunst war es schon immer diesen Urschmerz im Menschen zu stillen, wenn auch nur manchmal für kurze Zeit. Morten Lauridsens Kompositionen, ob Instrumental- oder Chormusik, fließen direkt aus einem tiefen Erfahren einer höheren Ordnung. Er scheint im Einklang mit der Natur zu atmen und er kann diesen Zustand in Töne setzen. Die neue CD ‚Light Eternal‘, die nun zu seinem 75. Geburtstag bei der Deutschen Grammophon erschienen ist, beginnt mit dem wohl bekanntesten Werk ‚Lux aeterna‘. Komponiert zumeist auf einer einsamen Insel im Nordwesten der USA, nahe der kanadischen Grenze,  ‚sieht‘ man förmlich das Licht durch die Wolken brechen, wie Suchlichter im Pazifik aufleuchten und verglimmen, dennoch unbesiegbar ewig.  Ganz meisterhaft wird das hier musiziert von den I Virtuosi Italiani unter der Leitung von Nicol Matt, der auch den Chamber Choir of Europe auf einem hohen Niveau singen lässt, leicht und schwingend von überirdischer Schönheit. Die Tonaufnahmen fanden letztes Jahr in Kufstein in Zusammenarbeit mit Lauridsen selbst statt, der auch am Klavier begleitete.

Poesie ist für den Komponisten eine wichtige Quelle der Inspiration, sein tägliches Ritual, das Lesen von Gedichten. So vertonte er auch fünf Gedichte von Rainer Maria Rilke in seinem Zyklus ‚Les Chansons des Roses‘. Davon sind zwei hier zu hören, ebenso ein Gedicht aus der Renaissance sowie Pablo Nerudas ‚Ya eres mia‘. Im Zyklus ‚Nocturnes‘ wurden wieder Gedichte von Neruda, Rilke und James Agee vertont. ‚Prayer‘, nach dem Text eines Freundes, dem Schriftsteller Dana Gioia, erzählt von dem Schmerz über den Verlust eines Kindes. ‚O Magnum Mysterium‘ ist ein Mottet, das  von dem Wunder aller Wunder spricht und es bildet den sublim transzendenten Schlusspunkt dieses Musikjuwels, mit dessen Tönen Licht und Trost wahrhaft zu erfahren sind.

Interesting interview with Morten Lauridsen 1999

 

 

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Es kühlt so schön…!

Basilika Weingarten
Basilika Weingarten – Heilig Blut Altar – Foto Midou Grossmann

Wer bei diesem Wetter trotzdem raus möchte und zudem noch Kühle sucht, sollte alte Gebäude besichtigen. Kirchen sind sehr empfehlenswert, denn zumeist bergen sie viel Wissenswertes und bringen mit ihrer spirituellen Ausrichtung auch Besinnung und vielleicht Inspirationen. Denn der bauliche Aufwand sowie die künstlerische Ausgestaltung dieser Bauten zeugt von einer ungeheueren Schöpferkraft, in Zeiten, die gerne als rückständig bezeichnet werden. Ein Teil dieser enorm ästhetisch ausgerichteten Kreativität wäre in der Gegenwart wieder begrüßenswert. Man soll diese nicht kopieren nur nutzen, um Neues zu schaffen, das Jahrhunderte überdauern könnte.

Heute habe ich wieder einmal die größte Basilika nördlich der Alpen besucht, sonntags ist Führung und zudem konnte man auch die Welfengruft besichtigen. Eine äußerst sachkundige Führung von einem ehemaligen Bauleiter der Basilika enthüllte ungemein viele historischen sowie auch handwerklichen Details. Dieser reine Barockbau wurde zwischen 1715 und 1724 in sieben Jahren erbaut. Jawohl in sieben Jahren, so wird gerechnet, da jedes Baujahr nur 9 Monate zählt. Im Winter ruhte die Arbeit. Wenn man Bilder dieses Prachtbaus sieht, darf man sagen, dass 7 Jahre nicht wirklich lang sind. Allein für die Malereien, die direkt in den Stuck gemalt wurden und immer noch so farbenfroh wie damals wirken, hat man 3 Jahre benötigt. Leider wurde der vorherige Kirchenbau dafür abgerissen.

Die stolze Basilika ist noch immer in ihrer Originalausstattung zu besichtigen. Nichts wurde zerstört seit der Einweihung. Das Kloster mit der Welfengruft ist einen Besuch wert. Auch die interessanten Geschichten über die Heilig-Blut-Relique sowie den tradionellen Blutritt können im Internet gelesen werden. Ein nettes Café direkt neben der Basilika lädt zum Verweilen ein. Nur ein Manko gibt es, dem angeschlossenen Kloster sind die Mönche abhanden gekommen. Nun sucht man einen Orden, der die heiligen Stätten wieder etwas beleben könnte. Bei Bedarf melden, vielleicht kann man auch noch einen entsprechenden Orden gründen.

Webseite Weingarten

Früherer Artikel von mir über die Region

Copyright Midou Grossmann 2018

Haben Künstler einen Auftrag?

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Friedrich von Hetsch – Schiller als Regimentsarzt

Sommerzeit – Festspielzeit – hat Kunst noch eine gesellschaftliche Relevanz?

Reflexionen während einer ‚Mondfinsternis‘

Heute Morgen beim Aufstehen fiel mein Blick auf Rüdiger Safranskis Schiller-Biographie in meinem Bücherregal. Sofort dachte ich wieder an die Schelte, die ein Politiker kürzlich Schiller angedeihen ließ, weil dieser Kunst als eine ‚moralische Anstalt‘ bezeichnet hatte. Schiller war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, Künstler und Philosoph gleichermaßen, und man sollte ihm das Wort ‘Anstalt’ verzeihen, da es sicherlich zu Schillers Zeiten für Schule, Universität stand.

Der Untertitel der Biographie lautet: Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Schiller trat für eine Geisteshaltung ein, die man auch humanistisch nennen darf. Ein Lichtstrahl in dem Grau des damaligen Alltagslebens. Er hatte es schwer, aber konnte sich letztendlich durchsetzen. In Jena stürmte man sozusagen den Saal bei seiner ersten Vorlesung, sodass man mit der gesamten Zuhörerschaft einfach durch die Stadt wanderte, um in einen größeren Saal zu übersiedeln.  Diese Völkerwanderung beunruhigte die Ordnungshüter und man dachte an Revolution. Ob Schiller heute noch derselbe Erfolg beschieden wäre, wage ich fast zu verneinen. Humanistische Bewegungen, Spiritualität, sind etwas untergegangen in den Turbulenzen, die ein Überleben im globalen Wettbewerb so mit sich bringt. Man spricht von einer Verrohung der Gesellschaft, doch im Gegensatz zu damals, finden viele Menschen dies auch notwendig und versuchen keine Änderungen herbeizuführen, auch weil man Politiker hat, die den Abbau eines Sozialstaats vorantreiben. Eine Sozialsystem, das zwei Weltkriege überlebt hat, soll nun nicht mehr finanzierbar sein. Eine ungeheuerliche Einstellung, die aber so manchen Menschen gar nicht interessiert.

Natürlich haben Künstler auch heute noch eine Sonderstellung in der Gesellschaft. Nur ist es selten, dass sie sich wie Schiller mit gesellschaftlich, philosophischen Gedanken, die eine ästhetische Erziehung des Menschen voraussetzen, beschäftigen. Aktuell darf man wieder vermehrt von einem geistigen Niedergang sprechen. Die Aussage eines Intendanten: Kunst habe die Aufgabe das Bewusstsein der Menschen positiv zu verändern, zu erhöhen, war vor 30 Jahren noch eine Selbstverständlichkeit. Doch wer aktuell eine Opern- oder Schauspielaufführung besucht, darf mit einer willkürlichen Besitzübernahme der Werke zwecks ‚Egolifting‘ rechnen. Geradezu penetrant wird jeder ästhetische Gedanke ausgemerzt und mit billigem Gedankengut ersetzt.

Wenn ich nur an die Opern von Richard Wagner denke, die von A-Z auf eine geistige Weiterbildung des Menschen setzen, so werden diese immer vermehrt in das Gegenteil verdreht. Das hat gerade wieder die ‚Lohengrin‘-Premiere in Bayreuth gezeigt. Und so etwas ist Vorsatz. Wenn am Ende einer Oper, die als Kernaussage das Vertrauen in eine höhere Macht beinhaltet, nun doch das Dunkle siegt, ist das sehr traurig. Auch die dunkle, blaue Ausstattung sowie die lächerlichen Kostüme wurden meiner Ansicht nach absichtlich entworfen, um die positive Aussage des Werks zu eliminieren. Sehr gut bezahlt wurden alle für diese Arbeit. Muss eine Gesellschaft so etwas tolerieren, an einem Ort, der mit öffentlichen Geldern gefördert wird? Nein, Kunst darf nicht alles! Ein Friedrich von Schiller steht mit seinen Forderungen immer noch im Raum und ist aktueller als vielleicht in seiner damaligen Zeit.

Copyright Midou Grossmann 2018