Spielzeit 2019/2020 Oper Leipzig

Altbewährtes und Neues auf einem hohen künstlerischen Niveau

Die Oper Leipzig stellte am Donnerstag, 14. März, ihre Pläne für die nächste Saison vor. Insgesamt 17 Neuproduktionen stehen auf dem Spielplan: Fünf Opernpremieren, vier Premieren des Leipziger Balletts und sieben Premieren der Musikalischen Komödie in der Interimsspielstätte im Westbad, ein Chorprojekt sowie 33 weitere Werke werden im aktiven Repertoire zu sehen sein.

Unter der Intendanz von Ulf Schirmer zeigt sich die Oper Leipzig mittlerweile als ein Haus, das weit über die Grenzen der Stadt hinaus künstlerische Aufmerksamkeit erregt. Mit dem Gewandhausorchester als musikalischem Partner hat auch der Dirigent Schirmer eines der weltbesten Orchester zur Verfügung. Da gibt es keine A- oder B-Besetzung zwischen den beiden Musiktempeln am Augustusplatz. So wundert es doch etwas, dass Ulf Schirmer, ebenfalls im sinfonischen Repertoire gelobt und gefeiert,  nicht auch im Gewandhaus auftritt; haben seine Orchesterdirigate schon vor Jahrzehnten ganz Wien begeistert. Doch eine im Juni im Opernhaus geplante Aufführung von Beethovens «Missa Solemnis» – unter der Leitung des Hausherrn – sollte man sich unbedingt vormerken.

Richard Wagner und Richard Strauss werden auch in Zukunft die zentralen Säulen des Opern-Spielplans sein. Eine Neuproduktion von Richard Wagners »Tristan und Isolde« wird am 5. Oktober 2019 unter der musikalischen Leitung von Ulf Schirmer Premiere feiern. Sie ist ein weiterer Schritt auf dem Weg hin zu dem erklärten Ziel, bis zum Jahr 2022 alle Werke des in Leipzig geborenen Komponisten fest im Repertoire des Hauses zu verankern. Das wäre weltweit ein Alleinstellungsmerkmal. Für die »Tristan«-Inszenierung verantwortlich, der Intendant des Schauspiels Leipzig, Enrico Lübbe.

Die letzte Neuproduktion der Spielzeit wird am 28. Juni 2020 »Capriccio« von Richard Strauss sein, das den Leipziger Strauss-Kanon um ein weiteres Werk ergänzt. In Szene gesetzt von Regisseur Jan Schmidt-Garre, mit Ulf Schirmer am Pult, der dieses sogenannte Konversationsstück schon 1995 mit den Wiener Philharmonikern für die Decca einspielte. Diese Oper ist sicherlich das am wenigsten bekannte Werk von Richard Strauss, doch für manchen Opernliebhaber vielleicht doch das genialste. Ein geistreiches Libretto (Clemens Krauss) sowie die Altersweisheit haben den Komponisten mitten im zweiten Weltkrieg beflügelt eine Art musikalisches Testament zu komponieren. Die bekanntesten Werke von Richard Strauss werden an einem Themenwochenende vom 10. bis 12. Juli 2020 gebündelt, die mit den Wiederaufnahmen von »Arabella« und »Die Frau ohne Schatten« in der Spielzeit 2019/20 verbunden sind.

Rolando Villazón, der als Nemorino selbst oft erfolgreich auf der Bühne stand, inszeniert Gaetano Donizettis »Der Liebestrank« nun an der Oper Leipzig. Mit viel Witz und Herz, aber auch feinem Gespür für den Tiefsinn des Werkes erzählt er das heitere Liebesabenteuer als turbulenten Western-Movie. Am 14. September 2019 hebt sich der Vorhang für diese erste Premiere der Spielzeit.

Welchen Handlungsspielraum hat der Einzelne im Kampf gegen ein diktatorisches Regime? Dieser Frage gehen Komponist Viktor Ullmann, der 1944 im Konzentrationslager Auschwitz sein Leben verlor, und sein Textdichter Albert Steffen mit ihrer Oper »Der Sturz des Antichrist« auf den Grund, die am 21. März 2020 Premiere feiert. Die selten gespielte Oper wurde 1935 ursprünglich für die Wiener Staatsoper komponiert, wo sie allerdings nicht mehr aufgeführt werden konnte. Für die Inszenierung konnte Balázs Kovalik, Leiter der Opernklasse der Theaterakademie August Everding, München, gewonnen werden, der am Leipziger Haus schon sehr erfolgreich inszeniert hat. Thematisch schließt sich das szenische Chorprojekt »Über.Leben!« anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Ausschwitz-Birkenau am 14., 15. und 16. Februar 2020 an. In Kooperation mit der Schaubühne Lindenfels setzt sich der Chor der Oper Leipzig zur Musik von Poulenc, Schostakowitsch, Schönberg u.a. mit dem täglichen Grauen und Hoffen, dem Leben und Überleben von Lagerinsassen auseinander. Initiator des Projekts ist Chordirektor Thomas Eitler-de Lint, Regie führt Patrick Bialdyga.

Wolfgang Amadeus Mozarts »Die Zauberflöte«, ein Werk, das für Jung und Alt als Einführung in eine höhere Ethik genannt werden darf, ist ebenfalls als Premiere eingeplant. Die junge tschechische Regisseurin Barbora Horáková  inszeniert, der Vorhang hebt sich am 2. Mai 2020 zum ersten Mal.

Besetzungsmäßig baut diese anspruchsvolle Programmgestaltung zum Großteil auf Ensemblemitglieder der Oper, was beweist, dass Repertoiretheater durchaus auch in der heutigen Zeit möglich ist. Junge Sänger benötigen zudem die Erfahrungen in einem Ensemble, um sich in diesem schweren Beruf etablieren zu können, denn das notwendige geistige Knowhow wird nicht immer während des Studiums vermittelt.

Advertisements

Forgotten Opera Revived In Glory

proserpine1_mg

Foto Copyright Midou Grossmann

Klassik Award für eine Opern-Rarität

»Proserpine« von Camille Saint-Saëns neu entdeckt

Prof. Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, erhält für seine CD-Einspielung »Proserpine« von Camille Saint-Saëns mit dem Münchner Rundfunkorchester den International Classical Music Award (ICMA) 2018 in der Kategorie »Audio: Oper«. Die CD erschien im Mai 2017 in der Reihe »Opéra français« des Palazzetto Bru Zane, dem wichtigsten Forschungszentrum für französische Musik der Romantik, mit dem die Oper Leipzig in der Spielzeit 2016/2017bei der Neuproduktion der Opernausgrabung von Charles Gounods »Der Rebell des Königs (Cinq-Mars)« zusammenarbeitete.

Zudem hat Professor Schirmer in seiner Zeit als Chef des Münchner Rundfunkorchesters weitere Projekte zusammen mit dem Palazzetto Bru Zane erarbeitet, neben »Cinq Mars« auch Benjamin Godards »Dante«, beide Werke wurden erfolgreich in München, Wien sowie in Paris/Versailles aufgeführt. Verdient ging der Klassik Award an »Proserpine«, erweist sich die Oper doch beim genauen Studium als echte Fundgrube von kompositorischen Finessen und Farben. Saint-Saëns war immer von seiner Oper überzeugt und bezeichnete diese oft als seine beste Arbeit. Doch das Werk erschließt sich nicht sofort beim ersten Hören, gegensätzlich der großen Operntradition, setzt der Komponist hier nicht auf vordergründige Effekte oder orientiert sich an der Tradition der Grand Opéra mit opulenten Arien und Chorpassgen. Als ein Zeitgenosse der Freunde Franz Liszt und Richard Wagner, der er beide kannte, darf man sagen, dass Einflüsse dieser beiden Genies auch in der Oper »Proserpine« zu finden sind, in einer harmonische Symbiose, und das gerade macht das Werk so interessant. Eine durchweg impressionistische Klangsprache dominiert zumeist, wenn auch zuweilen dramatisch musikalische Eruptionen zu erleben sind. Bemerkenswert ist die Ausgestaltung der Gesangspartien, welche konsequent über die Musik hinweg gesungen werden und manchmal sogar à Cappella, zudem glänzend dem französischen Sprachrhythmus angepasst. Ulf Schirmer und das ungemein differenziert musizierende Münchner Rundfunkorchester zeigen sich hier als geniale Interpreten der Partitur, sicherlich ganz im Sinne des Komponisten.

Gesanglich darf ebenfalls von einem hohen Niveau gesprochen werden, die wunderbare Véronique Gens beeindruckt erneut mit ihrem dunkel timbrierten Sopran, der große Gestaltungsfacetten und eine leuchtenden Höhe entfaltet. Die Entwicklung von der dominanten Kurtisane Proserpine bis hin zur verzweifelt Liebenden, die den Tod sucht, kann die Sängerin stimmlich überzeugend umsetzen. Die liebliche Angiola wird von Marie-Adeline Henry ebenso brillant mit einem schönen lyrischen Sopran gestaltet. Die Männerriege ergänzt diese homogene Gesangsteam bestens: Grandios alle, Tenor Frédéric Antoun (Sabatino), Bass-Bariton Andrew-Forster Williams (Squarocca), Bass Jean Teitgen (Renzo). Der Flämische Radio Chor wurde von Chorleiter Hervé Niquet hervorragend für dieses Projekt vorbereitet.

Für jeden Opernliebhaber dürfte diese hervorragende Einspielung sicherlich eine Bereicherung sein. Ob sich das Werk allerdings auf den Opernbühnen etablieren kann, bleibt abzuwarten, denn das Libretto zeigt sich nicht wirklich überzeugend.

Ulf_Schirmer

Professor Ulf Schirmer 2012 Foto copyright Midou Grossmann

Copyright Midou Grossmann 2018

Leipzig Opera starts into a promising new season

 

baby_konzert2

baby_konzert4

Even the smallest get their share of music!

Die Oper Leipzig scheint sich unter der Intendanz von Ulf Schirmer mittlerweile auf einem stabilen Erfolgskurs zu befinden. In der Stadtverwaltung sollen Politiker aller Parteien von der enormen Ausstrahlung Leipzigs als Musikstadt endlich überzeugt worden sein und demzufolge auch die Oper sowie die Musikalische Komödie nicht mehr als mögliches Sparobjekt einzuordnen.

Ja, Leipzig boomt, jedenfalls was die Besucher betrifft. Immer mehr Hotels werden gebaut, dennoch wirkt die Stadt zumeist ausgebucht. Doch die Studenten ziehen sich mittlerweile aus der Innenstadt zurück und einige Bürger sprechen schon von ihrer Stadt als ‚Hypezig‘. Hier gilt es aufzupassen, denn nachdem das Stadtzentrum prächtig hergerichtet wurde, entdeckt man bei Streifzügen durch die weiter entfernten Stadtteile doch noch enormen Renovierungsbedarf sowie viele Bürger, die sich ausgeschlossen fühlen.

Bürgernähe zeigte allerdings die Oper Leipzig mit ihrem Eröffnungsprogramm am vergangenen Samstag. Von 10 Uhr früh bis nach 20 Uhr gab es nonstop kostenlos interessante Darbietungen in den Theaterwerkstätten, auf den Bühnen des Hauses sowie in den großen Foyers zu erleben. Gedränge überall, für das öffentliche Gala-Konzert um 18.00 Uhr waren schon lange vor Beginn alle Plätze im großen Saal besetzt, so wurden die Stufen freigegeben, dennoch mussten sogar die Türen geöffnet werden und viele Besucher lauschten draußen im Foyer dem Gewandhausorchester unter der Leitung des Intendanten. Selbst Dresdner wurden an diesem Tag in der Oper Leipzig gesichtet.

Ulf Schirmer präsentierte musikalische Highlights aus der kommenden Saison. Auftakt war eine imposante Darbietung von Wagners Tannhäuser-Ouvertüre, gefolgt von dem Einzug der Gäste auf die Wartburg. Alessandro Zuppardos Opernchor konnte hier glänzen, wie auch in der Eröffnungsvorstellung von ‚Nabucco‘ am Sonntag. Ab Mai 2015 sollen in Leipzig regelmäßig Wagner-Festtage stattfinden, was ja lange überfällig war. Neue Mitglieder des Ensemble wurden vorgestellt, sowie musikalisch auf die Premiere von Charles Gounods ‚Faust‘ am 11. Oktober hingewiesen.

Viel Aufmerksamkeit – auch von den Medien – erhielt das am Sonntagmorgen erstmals angesetzte ‚Baby-Konzert‘ im Konzert-Foyer der Oper. Kurz vor 10 Uhr – vielleicht etwas zu früh – sah man im regnerisch kühlen Leipzig Eltern mit Kinderwagen auf die Oper zueilen. Eine Mutter schob mühsam ihren Sprössling die Stufen hinauf zum Eingang, um dann von einem herbei eilenden Journalisten gebeten zu werden die Prozedur zu wiederholen mit der Begründung, sie sei ein gutes Motiv. Also wurden Kind und Wagen wieder die Stufen runtergetragen und dann ging es erneut die Stufen hoch, nun von einer Kamera verfolgt.

Diese Baby-Konzerte sind in vielen Opernhäusern aktuell im Trend, nach Kinder- und Jugendarbeit wohl eine folgerichtige Aktion. Machte Schirmer in München noch Zwergl-Musik, so sind es nun in Leipzig die Baby-Konzerte. Statement der Oper: Man wolle sich hier keine neue Generation von Konzertbesuchern rekrutieren, sondern einfach mal die Wirkung der Musik auf die ganz Kleinen beobachten.

20 Kleinstkinder mit Eltern waren anwesend, auf Decken und Kissen verteilt. Der Intendant selbst dirigiert ein kleines Ensemble des Gewandhausorchesters. Auftakt: ein Divertimento des 16jährigen Mozart in drei Sätzen. Eine schöne Erfahrung, diese Musik einmal außerhalb der strengen Anordnung eines Konzertraums zu erleben. Das Ambiente glich einem Outdoor Picknick, die Eltern entspannten beim ersten Ton, die Kinder reagierten unterschiedlich. Manche hörten gespannt zu, andere dirigierten oder tanzten, wieder manche quäkten im Takt oder gingen auf spannende Entdeckungsreise zu benachbarten Kindern auf den Kissen. Sie hatten schnell verstanden, hier gab es Freiräume, die sonst so nicht leicht zu finden sind.

Es folgte ein meditativer Streichersatz von Beethoven, entstanden 1825, der die Widmung trägt: Heilige Danksagung. Manche größeren Kinder wurden nun unruhig, dagegen schienen die unmittelbaren Neuzugänge auf dieser Erde die ruhige Klangsprache zu genießen. Ein zwei Monate altes Baby dirigierte diesen Satz ungemein rhythmisch mit, wogegen es bei Mozart noch schlummerte. Man hätte das Gegenteil erwartet. Diesem Auftaktkonzert sollen noch weitere folgen, alle sind schon ausverkauft. Hoffen wir, dass diese ungewohnten Erlebnisse die Eltern dazu inspirieren ihren Kindern ab und an einmal eine Klassik-CD aufzulegen oder gar Hausmusik zu betreiben.

Wie sagte doch Arthur Schopenhauer: „Die Musik ist so sehr, was alle Kunst zu sein strebt, nämlich Wiederholung der Welt in einem einartigen Stoff, daß, wer die Musik völlig erklärt, eben damit auch die Welt erklärt.“              

Copyright text and photos Midou Grossmann